Und auf einmal hab ich losgelassen…

Zentrale Frage, die viele Brustkrebsbetroffene sich selbst und auch mir gegenüber stellen:
„Wie finde ich Ruhe, wenn mein Leben aktuell das reinste Chaos ist?“

Es gibt diesen Moment im Leben, über den kaum jemand spricht. Nicht den großen, erlösenden Wendepunkt. Sondern den Moment, in dem schlicht nichts mehr geht.

Kein „Jetzt entscheide ich mich bewusst fürs Loslassen“.
Kein spiritueller Durchbruch.
Dafür aber Erschöpfung bis in jede einzelne Zelle.

Loslassen ist selten eine Entscheidung

Echte, wahre Ruhe kommt oft erst, wenn gar nichts mehr geht. Ich wünschte, ich könnte sagen, mein persönlicher Moment des Loslassens war klar, weise oder liebevoll.
War er aber nicht.

Es war der Punkt, an dem jeder Versuch, weiterzumachen, zu kontrollieren oder stark zu sein, bereits gescheitert war.

Weihnachten 2023. Die Metastasen nach meiner Brustkrebs Diagnose in 2021 waren wieder aktiv.
Mein Nervensystem war im absoluten Ausnahmezustand.
Mein Körper ausgeknockt.
Ich war leer. Still. Wie eingefroren.

Und genau an dieser Stelle blieb mir nur noch eins: loslassen.
Nicht, weil ich es wollte, sondern weil Widerstand einfach keine Option mehr war.

Wenn das Nervensystem “aufgibt” – und etwas Neues entsteht

Was viele nicht wissen: Wenn das Nervensystem dauerhaft überfordert ist, schaltet es, aus reinem Selbstschutz, irgendwann in einen Shutdown, eine extreme Art von Freeze-Zustand.

Und genau dort – in diesem Zustand jenseits von Kampf, Kontrolle und Funktionieren – habe ich etwas erlebt, das ich vorher nie kannte:

Ruhe.

Nicht die Ruhe, die man sich „nimmt“. Nicht die Ruhe, die man sich verdient. Eine Ruhe, die entsteht, wenn man an nichts mehr festhält.

Keine Erwartungen.
Keine Zukunft.
Kein „Ich muss“.
Nur dieser eine Tag.
Dieser eine Atemzug.
Dieses eine Sein.

Warum wir uns nach der Krise oft selbst verlieren

Heute, gut 5 Jahre nach der Erstdiagnose Brustkrebs, bin ich wieder im Alltag. Mit Terminen. Verantwortung. Erwartungen. All das, was das Leben eben so mit sich bringt.

Und ja – vieles davon ist gut und sinnvoll. Aber manchmal merke ich, wie sehr ich die radikale Einfachheit vermisse.

Viele wünschen sich ihr Leben vor der Diagnose zurück. Ich halte das für trügerisch und gefährlich. Denn wir sind nicht mehr dieselben. Und vielleicht sollten wir das auch nicht sein, denn der Mensch, der wir früher waren, hat uns in die Situation gebrach, in der wir heute sind.

Die eigentliche Frage ist eine andere.

Die eigentliche Frage, die sich viele stellen:

„Wie kann ich Ruhe behalten, während mein Leben weitergeht?“

Die Antwort ist unbequemer, als viele von euch erwarten würden. Denn es geht nicht durch Rückzug oder durch weniger Termine oder „mehr Selbstfürsorge“ auf der To-do-Liste.
Es braucht etwas viel Tieferes:

Radikale Präsenz

Radikale Präsenz bedeutet nicht, ständig im Jetzt „zu sein“. Es bedeutet, nicht vor dem Moment wegzugehen.

Radikale Präsenz ist:

  • den Körper jetzt zu spüren

  • das Nervensystem jetzt wahrzunehmen

  • nicht sofort zu reagieren, sondern einen Atemzug länger zu bleiben

Diese Form von Ruhe entsteht nicht durch äußere Umstände.
Sie entsteht durch innere Erlaubnis. Und ja – sie ist im Alltag schwer umzusetzen. Aber es ist machbar.

Was hilft, diese Ruhe in den Alltag mitzunehmen?

Ganz konkret:

  • weniger Bewertung, mehr Wahrnehmung

  • weniger „Ich sollte anders sein“, mehr „So bin ich gerade“

  • ein Nervensystem, das sich sicher fühlen darf, auch mitten im Leben

Abschließende noch eine kleine Reflexionsfrage an dich:
„Wo gehe ich im Alltag unbewusst gegen mich und meine Bedürfnisse?”

Deine Anna

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Millennial-Mama mit Brustkrebs - Wenn Stärke zur Gewohnheit wird und der Körper irgendwann stoppt

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