Warum dein Körper nach Krebs nicht „loslassen“ kann
Vielleicht kennst du diesen inneren Widerspruch:
Medizinisch ist vieles abgeschlossen. Untersuchungen sind unauffällig, Therapien liegen hinter dir oder sind gut eingestellt. Und trotzdem fühlt sich dein Körper nicht frei an. Er bleibt angespannt, reagiert empfindlich, zeigt Schmerzen, Unruhe oder Angst. Manchmal ohne klaren Auslöser. Vielleicht hast du dich schon gefragt, warum dein Körper nach Krebs nicht einfach loslassen kann – warum Entspannung so schwer fällt, obwohl du sie dir so sehr wünschst.
Wichtig ist zuerst eines: Dein Körper macht nichts falsch. Er ist nicht widerspenstig, nicht kaputt und auch nicht „stehen geblieben“. Er schützt dich.
„Loslassen“ klingt, als wäre es eine bewusste Entscheidung. Als müsstest du nur genug vertrauen, genug verstehen oder dich endlich entspannen. Doch dein Körper folgt keiner inneren Anweisung. Er reagiert nicht auf Vernunft oder positive Gedanken, sondern auf Sicherheit. Und genau hier liegt der Schlüssel, wenn es um Stress, Angst und Schmerzen nach Krebs geht.
Eine Krebsdiagnose ist für das Nervensystem kein einzelnes Ereignis. Sie bedeutet existenzielle Bedrohung. Der Moment der Diagnose, medizinische Eingriffe, Operationen, Bestrahlung, Hormontherapien, die ständige Unsicherheit und die Angst vor Kontrollverlust hinterlassen Spuren – nicht nur mental, sondern vor allem körperlich. Dein autonomes Nervensystem speichert solche Erfahrungen nicht als Erinnerungen, sondern als Zustände. Es merkt sich Alarm, Ohnmacht, Anspannung und das Gefühl, jederzeit wachsam sein zu müssen.
Selbst wenn dein Verstand längst weiß, dass du jetzt in Sicherheit bist, hat dein Körper etwas anderes gelernt: Entspannung kann gefährlich sein. Wachsamkeit ist überlebenswichtig. Genau deshalb hält dein Körper fest. Nicht, weil er nicht mitarbeitet, sondern weil er dich schützen will.
Viele Frauen erleben nach Krebs anhaltende Symptome, die medizinisch schwer greifbar sind. Chronische oder diffuse Schmerzen, innere Unruhe, Schlafprobleme, Erschöpfung oder Angst, obwohl „alles okay“ sein sollte. Das kann verunsichern und das Vertrauen in den eigenen Körper weiter erschüttern. Doch diese Reaktionen sind kein Zeichen von Schwäche oder Einbildung. Sie zeigen, dass dein Nervensystem noch im Alarmzustand ist.
Besonders schwierig wird es, wenn Druck entsteht. Vielleicht hast du Sätze gehört wie: „Du musst loslassen“, „Vertrau deinem Körper“ oder „Jetzt ist doch alles vorbei“. Auch wenn sie gut gemeint sind, erzeugen sie oft zusätzlichen Stress. Ein Nervensystem, das sich noch unsicher fühlt, kann nicht entspannen, weil es soll. Erwartung, Ungeduld oder Selbstkritik verstärken unbewusst genau den Zustand, den du eigentlich hinter dir lassen möchtest.
Was dein Körper nach Krebs braucht, ist nicht Loslassen im klassischen Sinn. Er braucht Sicherheit. Spürbare, wiederholte Erfahrungen von „Ich bin jetzt sicher“. Das Nervensystem lernt nicht durch Einsicht, sondern durch Erfahrung. Durch kleine Momente, in denen nichts verlangt wird. In denen du nicht funktionieren, leisten oder stark sein musst. In denen dein Körper wahrgenommen wird, ohne korrigiert zu werden.
Vielleicht sagst du dir manchmal: „Ich würde meinem Körper ja gern wieder vertrauen, aber es geht einfach nicht.“ Auch das ist kein Versagen. Vertrauen entsteht nicht im Kopf. Es entsteht im Körper, wenn er erlebt, dass er gehört wird und dass seine Signale ernst genommen werden. Erst dann kann sich Anspannung langsam lösen. Erst dann wird Loslassen überhaupt möglich – als Folge von Sicherheit, nicht als Voraussetzung.
Vielleicht geht es also gar nicht darum, etwas loszulassen. Vielleicht geht es darum, wieder anzukommen. In deinem Körper. In deinem Tempo. Ihm zu zeigen, dass er nicht mehr kämpfen muss. Dass Wachsamkeit nicht mehr notwendig ist. Dass Entspannung kein Risiko mehr darstellt.
Dein Körper arbeitet nicht gegen dich. Schmerzen, Angst oder Unruhe sind keine Fehler, sondern Signale eines Systems, das zu lange im Überlebensmodus war. Veränderung entsteht nicht durch Druck oder Optimierung, sondern durch Regulation und Beziehung. Durch ein neues, freundlicheres Miteinander zwischen dir und deinem Körper.
Wenn du merkst, dass dein Körper auch lange nach der Krebsdiagnose noch im Alarm ist, dann ist das kein Zeichen, dass du „noch nicht weit genug bist“. Es ist ein Zeichen, dass dein Nervensystem Begleitung braucht – nicht Bewertung. Sanft, körperorientiert und in deinem eigenen Tempo.
Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst und lernen möchtest, wie dein Nervensystem nach Krebs Schritt für Schritt wieder Sicherheit finden kann, begleite ich Frauen genau auf diesem Weg. Nicht mit Druck, sondern mit Verständnis für das, was dein Körper erlebt hat – und für das, was er jetzt braucht.